Der verlandete See von Hage, aus Vorträgen von Hans-Gerd Coldewey, August 2016 und 2017

Am Ende der vorletzten Eiszeit (Saale-Kaltzeit 300 bis 128 Tsd. Jahre vor heute) war unmittelbar nördlich der heutigen Hager Wohnbebauung ein großer See durch abfließendes Schmelzwasser entstanden. Er war bis zu 40 m tief, etwa 4 km lang und bis 2 km breit und reichte vom Lütetsburger Schulweg bis über die Hagermarscher Straße hinaus. In Nordrichtung hatte der See eine etwa 600 m breite Verbindung zur Nordsee.
Aus dieser eiszeitlichen Rinne entstand später das Baltrumer Seegat. In der nachfolgenden Warmzeit (Eem-Warmzeit, 117 bis 128 Tsd. J.v.h.) füllte sich das Gewässer bei Anstieg des damaligen Meeresspiegels mit Wattsedimenten. Es blieb noch ein bis zu etwa 7 m tiefer Restsee mit seinen Hauptrinnen, die in der gegenwärtigen Warmzeit  (Holozän) mit ihren höheren Wasserständen ab etwa 6 Tsd. Jahre vor heute unter Tideeinfluß kam.

Hage hatte also einen direkten Nordseezugang. Der seegangsberuhigte See mit seinen tiefen Rinnen war ein idealer Schiffs- und Bootsankerplatz. An der AGRAVIS-Baustelle an der Hagermarscher Straße wurden im Jahr 2013 Keramikfragmente aus einer Flachsiedlung aus der Zeit 3. Jahrhundert vor bis 5. Jahrhundert nach Christus gefunden, wobei sehr seltene Funde aus dem 4./5. Jahrhundert n. Chr. stammen (Mitteilung Dr. König, Ostfriesische Landschaft 22.8.16).
Die frühe Flachsiedlung am Ostufer der Hager Bucht hat demnach 8 Jahrhunderte bestanden. Etwas weiter östlich liegt eine Warft, ein künstlich aufgeschütteter Siedlungshügel, der dem Schutz von Menschen und Tieren bei Sturmfluten diente. Warften wurden lange vor Beginn des Deichbaus etwa seit dem 3. Jh. v. Chr. errichtet. Diese Warft ist bisher nicht untersucht worden.

Mit dem Anstieg der Wasserstände setzte sich die Verlandung fort.
Bis zum Deichbau entlang der heutigen Küstenstraße L5 (etwa im Jahr 1300) war die Verlandung abgeschlossen.

Die ungefähre Lage des Hager Sees wird in folgendem Plan dargestellt:

 

Hager Bucht

Ungefähre Lage des verlandeten Hager Sees ab 130.000 Jahre vor heute

Zusammenfassung:
Der See von Hage mit seinen Rinnen zur Nordsee ist durch die geologischen Strukturen nachweisbar:
Zunächst durch die im Bereich des Sees fehlenden eiszeitlichen Ablagerungen aus der Saale-Eiszeit, die durch Schmelzwasserabfluß erodiert wurden. 
Dann durch die abgelagerten Wattsedimente aus der Eem-Warmzeit (117 bis 128 Tsd. Jahre vor heute) bis zu 40 m Tiefe .
Die Ablagerungen in dieser Mächtigkeit aus der Eem-Warmzeit sind eine bedeutende geologische Besonderheit, die den Raum nördlich der heutigen Hager Siedlung kennzeichnet. 

Weitere Wattsedimente aus der gegenwärtigen Warmzeit (Holozän) mit bis zu 7,5 m Tiefe, die sich seit etwa 6 Tsd. Jahren vor heute nördlich Hage aufgeschichtet haben, schließen den Bodenaufbau ab.

Die über 30 m tiefe eiszeitliche Hilgenrieder Rinne ist im geologischen Längsschnitt der Insel Norderney erkennbar. Auch frühere Flurbezeichnungen wie „Hilgenriede“ und Straßennamen wie „Hooge Lücht“ deuten darauf hin, dass Hage früher mit Schiffen erreicht werden konnte.

Quellen:
1. Streif, Hansjörg, 1990: Sammlung Geologischer Führer, Bd. 57
2. Niedersachsen Wasser, 2012: Hydrologisches Gutachten –
     Wasserschutzgebietsantrag WW Hage
3. Flurkarte FKV Niedersachsen

 

Ein noch tieferer Blick in den geologischen Aufbau offenbart, dass im Westen und Osten von Hage mächtige Salzstöcke liegen (Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie: http://www.lbeg.niedersachsen.de/startseite/):

Salzstöcke-plan

Plan zur Lage der Salzstöcke südwestlich und östlich von Hage

Salzstöcke-schnitt

Geologischer Schnitt entlang der im obigen Plan eingezeichneten Linie

Die tonigen Ablagerungen an der Oberfläche wurden in der Vergangenheit für die Ziegelherstellung genutzt. In der Umgebung von Hage sind mehrere frühere Ziegeleistandorte bekannt. Vier Standorte sind in den folgenden Kartenausschnitt der Königl. Preuss. Landesaufnahme von 1891 eingetragen.

 

Ziegeleien

Kartenausschnitt der Königl. Preuss. Landesaufnahme von 1891 mit Eintragung der früheren Ziegeleistandorte um Hage